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Filmkritik: Die dunkelste Stunde


Vor genau 53 Jahren starb mit Winston Churchill der bedeutendste britische Staatsmann des 20. Jahrhunderts und eine der am meisten gefeierten Persönlichkeiten im Vereinigten Königreich. Der als griesgrämig, eigensinnig und mitunter cholerisch bekannt gewordene Premierminister führte Großbritannien durch den Zweiten Weltkrieg und war entscheidend am Ausgang dessen beteiligt. Bis heute gilt er vor allem im englischsprachigen Raum als Heldenfigur, während er international  zum Teil zwiegespalten angesehen wird - nicht zuletzt auf Grund des britischen Luftkrieges gegen deutsche Städte und die Zivilbevölkerung. Noch zum Kriegsende hin wurden gezielt Wohngebiete angegriffen, was ihm auch bis heute noch vorgeworfen wird. Nichtsdestotrotz hat Churchill unbestreitbar dazu beigetragen, dass Hitler den Krieg verlor und Europa heute nicht in Ketten liegt.


In Joe Wrights Die dunkelste Stunde sehen wir Winston Churchill als Patrioten, als Kämpfer für den Frieden und als Helden der Stunde. Aber auch als gealterten Mann, der viele Barrieren zu überwinden und mit seiner Einstellung bisweilen auch gegen Freunde, Frau und vor allem politische Kollegen anzukämpfen hat. Der Film beschränkt sich lediglich auf wenige Tage im Mai 1940, als die Schlacht von Dünkirchen tobte, die auch Christopher Nolan im letzten Jahr in seinem Dunkirk meisterhaft inszenierte. Eine Sichtung der beiden Filme hintereinander ist also wirklich ratsam und geschichtlich gut ergänzend. Inhaltlich noch viel näher an Wrights Film ist allerdings Jonathan Teplitzkys Churchill, in dem Brian Cox als Titelfigur überzeugt und der große Parallelen zu Wrights Werk aufweist.


Wrights Film steht und fällt mit seinem Hauptdarsteller, da Die dunkelste Stunde einen Charakter zur Hauptfigur hat, der gleichzeitig Sympathieträger und Kriegsmacher sein muss, Held und zu hinterfragender Politiker. Retter, aber auch Todbringer. Und Gary Oldman liefert all das ab: Der gebürtige Londoner verwandelt sich (natürlich auch Dank des grandiosen, Oscar-nominierten Make-ups) in Churchill und lebt die Rolle wahrhaftig. Man kauft Oldman jede Emotion, jede Handlung, jede Bewegung, die sein Körper macht, ab. Es ist ohne Zweifel die beste schauspielerische Leistung des Jahres, der Karriere Oldmans - eine der besten der letzten Jahre.


Auch die Kameraführung vom fünffach Oscar-nominierten Franzosen Bruno Belbonnel (Die fabelhafte Welt der Amelie, Harry Potter und der Halbblutprinz) ist sagenhaft: Es gibt zwei Momente im Film, zwei Plansequenzen ohne Zwischenschnitt, in denen die Kamera einfach nur eine gerade Linie eine Straße entlangfährt und Hauswand für Hauswand filmt. Davor spielt sich das Leben ab. Menschen, die keine weitere Rolle im Film spielen, beim Spazieren gehen, beim Arbeiten, beim Einkaufen. Einfach eine Alltagsaufnahme. Es ist wie eine Mischung aus Dsiga Wertows Der Mann mit der Kamera von 1929 und Walther Ruttmanns Berlin – Die Sinfonie der Großstadt aus dem Jahr 1927. Dazu erklingt die tolle Musik von Joe Wrights langjährigem Kollaborateur Dario Marianelli (Abbitte, Stolz & Vorurteil, Kubo - Der tapfere Samurai), der wieder einmal vor allem auf Streicher und einen Pianisten setzt.


Die dunkelste Stunde, gerade für sechs Oscars nominiert (unter anderem als Bester Film) ist nicht das uneingeschränkte Meisterwerk, das es hätte sein können - dafür ist der Film zu einseitig in seiner Erzählweise, zu leise in den hitzigen Momenten -, aber er ist definitiv ein weiterer Beleg dafür, dass Joe Wright einer der ganz großen britischen Filmemacher ist, der uns in den nächsten Jahren mit Sicherheit noch einige meisterliche Werke bescheren wird. Und Gary Oldman? Den sehen wir nach seinem unvermeidbaren Oscar-Gewinn (alles andere wäre ein mittelgroßer Skandal) hoffentlich schnellstens wieder in einer solch fordernden, intensiven Rolle - denn ohne Zweifel ist Oldman einer der besten (nicht nur britischen) Schauspieler seiner Generation.


★★★★☆

Originaltitel: Darkest Hour

USA 2017 | Universal Pictures / Working Title | 125 Minuten | FSK 6 | D-Start: 18. Januar 2018 Regie: Joe Wright | Drehbuch: Anthony McCarten | Kamera: Bruno Delbonnel | Schnitt: Valerio Bonelli | Musik: Dario Marianelli | Darsteller: Gary Oldman, Kristin Scott Thomas, Ben Mendelsohn, Lily James, Ronald Pickup, Stephen Dillane, Samuel West, David Schofield

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