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Filmkritik: Lawrence von Arabien


Minutenlang kommt ein kleiner schwarzer Punkt immer näher, zentriert im spektakulären Wüstensand unter strahlend blauem Himmel. Major T.E. Lawrence (Peter O'Toole) und sein Begleiter, ein arabischer Beduine, beobachten nervös und angespannt, wer oder was sich ihnen da nähert. Sie haben gerade Wasser aus einem wertvollen, seltenen Brunnen im Nichts der Wüste getrunken, sind auf dem Weg zum Beduinen-Anführer Prinz Feisal (Alec Guinness). Noch bevor man erkennt, wer der Kamelreiter ist, stirbt der Beduine beim Versuch, den Unbekannten zu erschießen. Eine gefühlte Ewigkeit des Wartens ist vorüber, als sich der Schütze als schwarz gekleideter Beduine, als Sherif Ali (Omar Sharif) zu erkennen gibt. Es ist eine der berühmtesten Szenen der Filmgeschichte. In einem der berühmtesten, ja besten Filme, die jemals gedreht wurden: Lawrence von Arabien. David Leans siebenfach Oscar-preisgekröntes Meisterwerk beginnt mit einer pompösen Ouvertüre vor schwarzer Leinwand. Maurice Jarres Filmmusik zählt bis heute zu den berühmtesten und besten der Filmgeschichte, die AFI listet ihn nach John Williams Star Wars Score und der Filmmusik von Vom Winde verweht von Max Steiner auf Platz 3 der besten Filmmusiken aller Zeiten. Wenn man dann nach den viereinhalb Minuten Intro noch nicht überzogen mit Gänsehaut im Kino (oder vor dem Fernseher) sitzt, sorgen spätestens die unglaublich schönen, anmutigen 70mm Panavision Bilder von Freddie Young dafür, dass dem Filmfan das Herz aufgeht. Nicht überraschend gewannen sowohl Jarre als auch Young einen Oscar für ihre großartige Arbeit. Lawrence von Arabien erzählt die wahre Geschichte des exzentrischen Briten T.E. Lawrence, der im Ersten Weltkrieg an dem von den Briten vorangetriebenen Aufstand der Araber gegen das Osmanische Reich beteiligt war und Seite an Seite mit Beduinenvölkern gegen die Türken kämpfte. Lawrence, kongenial verkörpert vom im Dezember 2013 verstorbenen Peter O'Toole, ist sarkastisch, aufmüpfig und großer Freund der Araber. So befreundet er sich schnell mit Prinz Feisal (elegant und vornehm wie immer: Alec Guinness), dessen rechter Hand Sherif Ali (anmutig gespielt von Omar Sharif in seiner ersten englischsprachigen Rolle) und dem ebenfalls leicht exzentrischen Auda Abu Tayi (Anthony Quinn, der für viele Lacher sorgt). Gemeinsam durchdringen sie die tödliche Wüste unter unmenschlichen Umständen und arbeiten sich mit ihren Guerilla-Taktiken immer weiter vor, bis sie Akaba und schließlich Damaskus erobert haben.

Das fast vierstündige Epos (das perfekt in David Leans Repertoire von überlangen, außergewöhnlichen und hochgelobten Epen passt), ist trotz seiner Länge von Anfang bis Ende ein berauschendes Fest, niemals langweilig, niemals langatmig, ohne überflüssige Szenen. Der Lebens- und auch Leidensweg von Lawrence, dessen Person regelrecht glorifiziert wird (nicht umsonst fallen mehrfach Anspielungen auf biblische Figuren von Moses bis Jesus), wird von Lean als Reise eines Menschen inszeniert, dessen Glaube an die Gerechtigkeit und die Beduinen ihn bis zum Äußersten treiben lassen. Todesmutig und heroisch erkämpft sich der Brite seinen Platz unter den Arabern und wird letztendlich von ihnen gefeiert wie ein Gott. Die farbenfrohen Panoramabilder und die pompöse Musik sorgen für die perfekte Atmosphäre, wohingegen die tausenden Statisten, Pferde und Kamele sowie die vielfältigen Sets (gedreht wurde u.a. in Marokko, Jordanien, Spanien und England) Leans Absichten deutlich unterstützen: Er wollte ein monumentales Epos erschaffen - was ihm zweifelsohne gelungen ist. Generell ist es schwer, bei einem Film wie Lawrence von Arabien nicht in Superlativen zu schreiben, da der Film ohne Zweifel alles richtig macht und nur schwer zu übertreffen ist. Persönlich zählt er zu meinen zehn Lieblingsfilmen, den ich mir (auch trotz seiner epischen Länge) immer und immer wieder ansehen kann. Eines der besten Darstellerensembles aller Zeiten (eine Schande, dass weder Peter O'Toole, noch Omar Sharif aus ihrer Nominierung einen Oscar machen konnten - und Alec Guinness und vor allem Anthony Quinn nicht einmal nominiert waren), Filmmusik, die ebenfalls Geschichte schrieb, traumhaft schöne Bilder, eine geradezu verschwenderische Ausstattung, tausende Komparsen und Tiere und eine packende, auf wahren Begebenheiten basierende Geschichte mit einem wagemutigen Helden und loyalen Freunden machen aus Lawrence von Arabien ein filmisches Meisterwerk wie es im Buche steht.

★★★★★

Originaltitel: Lawrence of Arabia UK 1962 | 227 Minuten | Columbia Pictures | Kinostart: 15.03.1963 | FSK 12

Regie: David Lean | Drehbuch: Robert Bolt & Michael Wilson | Kamera: Freddie Young | Musik: Maurice Jarre | Darsteller: Peter O'Toole, Alec Guinness, Anthony Quinn, Jack Hawkins, Omar Sharif, José Ferrer, Anthony Quayle, Claude Rains, Arthur Kennedy

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